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schönes, erfreuliches
und bemerkenswertes


Der meistgelesene Kulturblog der Hauptstadt – mit Kurzkritiken zu Theater, Tanz, Performance, Oper, Kunst, Kino und Literatur: bemerkenswert, sehenswert, hörenswert.

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David Bowie

»Tomorrow belongs to those who can hear it coming.«

Jérôme Bel

© Herman Sorgeloos

»Ich betrachte mich als bildenden Künstler,« sagt Jérôme Bel über sich. Und so benannte er sein zweites Stück einfach nach sich selbst. Das war 1995. Seine experimentelle Performance war seitdem über 160 Mal auf der ganzen Welt zu sehen. Die vier nackten Akteure sind noch die gleichen wie vor 20 Jahren. Nicht nur das macht die Inszenierung zur historischen Aufführung. Jérôme Bel zitiert aus den Happenings der 1960er Jahre und bringt diese wiederum in den Bühnenraum, spielt mit Köpern, Licht, Musik – und dem Publikum.

In der einstündigen Performance entwirft Bel gleichsam eine humorvolle »Gegendarstellung« zum Tanz. Er konfrontiert unsere Sehgewohnheiten mit nicht ausgebildeten, nicht-erotischen Anti-Körpern. Er reduziert seine Idee des Nicht-Tanzes bis zu einem minimalistischen Nullpunkt, wo er jeden Erzählstrang verweigert. Was ist Identität? Die Summe aus Marken, Maßen, Größen, Gewicht und Kontoständen?


Hebbel am Ufer, Berlin
Fr 16. September 2016
im Anschluss Publikumsgespräch

FIAF/Crossing the Line Festival, MoMA, New York
Do 27.– Sa 29. Oktober 2016

FringeArts, Live Arts Festival, Philadelphia
2. und 3. November 2016

Bookend Festival, Walker Art Center, Minneapolis
Fr 4. November 2016

 

Raus

© Etienne Girardet, pacificografik.de

Ein Bauzaun versperrt den Blick auf die Bühne. Nach und nach bekommt der Zuschauer Einblick in das, was dahinter vor sich geht. Vierzig junge Berliner zwischen 13 und 19 Jahren singen, tanzen und spielen zum Thema »Raus«. Da geht es um Flüchtende, Freiheit, Grenzen, aber auch um Pubertät als Grenzerfahrung, erste Liebe, Mut und was es bedeutet anders zu sein.

Mit viel Gespür für zarte Nuancen und große Gesten inszeniert Rachel Hameleers, die künstlerischen Leiterin der Kreuzberger »Academy«, diesen hinreißenden Abend. Sie brennen, diese Kids, und sie reißen mit, mit Ihrer Begeisterung und ihrem Talent. Eine Produktion, die man auf keinen Fall verpassen darf.


Alte Feuerwache, Berlin
Mi 22. Juni 2016, 19:30 h
Do 23. Juni 2016, 19:30 h
Fr 24. Juni 2016, 19:30 h
Sa 25. Juni 2016, 16 h
Restkarten an der Abendkasse


Academy Casting Workshop
Sa 17. September 2016, 12–16 Uhr oder
So 18. September 2016, 12–16 Uhr  

 

Deleted Scenes

© Dieter Hartwig

Was macht eine Ballettausbildung aus einem Körper? Wie bestimmt die Erfindung von Ballett unsere Wahrnehmung? Sergiu Matis beginnt seine humorvolle Ausgrabungsarbeit 1661, mit der Gründung der Académie Royale de Danse in Paris. Gemeinsam mit Maria Walser und Corey Scott-Gilbert erkundet er verschüttete Bewegungen, die vielleicht wegen des dominanten Ballettvokabulars auf der Strecke blieben.

Der Abend spekuliert und fabuliert über vermeintlich Gelöschtes. Stellenweise arbeiten sich die drei Tänzer an den Visionen sichtbar ab. Trotzdem baut die Performance mit ihrer klaren Struktur einen fazinierenden Spannungsbogen über 50 Minuten und man beginnt mehr und mehr zu entziffern.


Ufer Studios, Berlin
Sa 4. Juni 2016, 20:30 h
So 5. Juni 2016, 20:30 h

 

Nederlands Dans Theater

© Rahi Rezvani

Sehnsuchtsvolle Töne von Max Richter begleiten das Stück »Stop-Motion« von Sol León und Paul Lightfoot. Sieben Tänzer erzählen von Abschied und Transformation und bauen das dritte Stück des Abends langsam und mit großer Intensität zu einem Magnum Opus, dem man noch Stunden zusehen könnte.

Prince Credell und Roger Van der Poel machen ihr Pas de deux zum Höhepunkt des Abends – träumen, lassen los, verändern und knüpfen damit an die Ära Jiří Kylián an, der das NDT zum Weltruhm führte. Nach 15 Jahren ist die Company nun endlich wieder in Berlin zu sehen. Am Premierenabend stehende Ovationen.


Haus der Berliner Festspiele Berlin
Do 29. bis Sa 31. Oktober 2015, jeweils 20 h

Festspielhaus Baden Baden
9. und 10. April 2016

New York City Center
16. bis 19. November 2016


29.10.2015

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Aerobics

© Laurent Philippe

Schwarze Bühne, keine Musik, nur Atem und Bewegung. Drei Akte lang. Paula Rosolen hat mit sieben Tänzerinnen und Tänzern eine Dekonstruktion von Aerobics versucht. Tatsächlich entsteht aus dem Vorführen des aerobischen Bewegungsvokabulars eine Art Ballett und man beginnt darüber zu grübeln, was Ballett eigentlich ist. Die stärksten Momente die Abends gelingen in den Pas de deuxs, in denen sich ein tänzerischer Dialog entspinnt.

Der Abend hat Witz und Verstand, und doch hätte man sich mehr dramaturgische Komposition und Distanz zum Originalmaterial gewünscht. Jane Fonda hat Aerobics zum Welterfolg gemacht. Ohne sie wüsste heute wohl keiner um dieses Fitness Programm, das einst für die US Air Force entwickelt wurde.


Sophiensäle, Berlin
So 4. Oktober 2015

Mousonturm, Frankfurt
Do 22. Oktober 2015
Fr 23. Oktober 2015
Sa 24. Oktober,  jeweils 20 h

Kondenz-Festival, Belgrad
Mo 26. Oktober 2015

Gala

© Dorothea Tuch

Was hier geschieht grenzt an ein Wunder. Jérôme Bel versammelt knapp 20 Menschen auf der Bühne: Frauen, Männer, Kinder, Teenager, Rentner, Transgender, Menschen im Rollstuhl, mit Downsyndrom, Profitänzer, Schauspieler, Laien. In allen Farben und Formen, so divers, dass es eine Freude ist. Er schafft einen Raum, in dem sie sich frei und voller Würde bewegen, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Sie zeigen uns ihre Version von Pirouette, Grand Jete, Walzer, Moonwalk, Verbeugung. Wir lieben jeden Einzelnen und jede einzelne Ausführung – je weiter entfernt von der Perfektion, desto spannender. Plötzlich sind die Amateure fesselnder als die Forsythe Tänzer.

Warum bewegen wir uns? Und was ist Tanz? Der Abend entwirft eine Gegenposition zu Repräsentation, Imitation, Stereotyp. »Gala« ist große Konzeptkunst. Eine Hymne der Menschlichkeit. Jérôme Bel feiert den Unterschied und schafft eine Ensembleleitung aus einzigartigen, originären und authentischen Wesen. Langer Applaus.


Hebbel am Ufer, Berlin
Do 25.06.2015, 20 h, HAU1
Restkarten an der Abendkasse

Tanzhaus, Düsseldorf
Do 27. August 2015
Fr 28. August 2015

Festival Automne, Paris
17. September bis 5. Dezember 2015
u.a. Théâtre de la Ville
Mo 30. November bis Mi 2. Dezember 2015

Tanzquartier Wien
Di 12.–15. Januar 2016

Hebbel am Ufer, Berlin
Fr 15. Januar 2016
Sa 16. Januar 2016

Kammerspiele München
Di 9. und 10. Februar 2016

Montpellier CDN
Di 15. und 16. März 2016

Hebbel am Ufer, Berlin
Do 5. bis So 8. Mai 2016

Hebbel am Ufer, Berlin
Sa 17. September 2016

Kampnagel, Hamburg
Do 6. Oktober 2016
Fr 7. Oktober 2016
Sa 8. Oktober 2016 jeweils 20 h

Mousonturm, Frankfurt
Di 8. und Mi 9. November 2016 um 19:30 h

Theater Freiburg
Do 25. Mai 2017 um 19:30 h

Hebbel am Ufer, Berlin
Mi 5. April 2017
Do 6. April 2017
Mi 12. April 2017
Do 13. April 2017


Bach/Passion/Johannes

© Benoîte Fanton

Simon Rattle nannte den Kreuzige Chorus das »Sacre du Printemps« des 18. Jahrhunderts. Auch der Anfang von Bachs Johannes Passion ist alles andere als melodische Musik. Aber Laurent Chétouane fängt nich an, wo es anfängt. Der Abend beginnt mit den Tod Jesu.

Die Johannes Passion ist ein Stück für Sucher und so wandert ein Kollektiv aus vier Tänzern, einer Sängerin und sieben singenden Instrumentalisten barfüßig durch die Passion. Aus dem musikalischen Dickicht Bachs destillieren sie einen kargen Klang. Mit dieser Freilegung gelingt ihnen aber nicht immer eine Offenbarung: zu oft verschwimmt das Zarte zur Unhörbarkeit. Bachs gewaltige musikalische Bilder gehen flöten.

Das Offene bei Bach ist der Moment des Todes, der nicht zu beweinen ist, sondern zu ergreifen: der Anfang einer nie gekannten Freiheit. Dieser Offenheit will uns die Inszenierung näherbringen: »Es ist vollbracht«. Aber dort endet der Abend nicht. Auch das Ewigkeitsgefühl will ausgehalten sein.

Oktober, Kampnagel, Hamburg
Do, 2.10.2014
Fr, 3.10.2014
Sa, 3.10.2014 jeweils 20 h

November, HAU Hebbel am Ufer Berlin
8./ 9. und 11.11.2014

Dezember, Tanzhaus NRW Düsseldorf
13. und 14.12.2104

Januar, Tanzquartier Wien
16 und 17.1.2015

Mai, Le Maillon Pôle Sud, Strasbourg
28 und 29.5.2015

Juni, Rencontres chorégraphiques internationales de Seine-Saint-Denis / Paris
12. und 13.6.2015

Sketches/Notebook

© Iris Janke

Als Zuschauer betritt man den »Werk-Raum« und ist in diesem Moment kein Zuschauender mehr: Man wird eingesogen in eine Echtzeitversuchsanordnung, in der wirklich etwas versucht wird. Wir sehen Bewegung und Bewegtheiten, Hingeworfenes und sich Hineinwerfendes. Meg Stuarts Spieler setzen sich der Rauheit der Unvollendetheit aus und bewahren sich und uns die Offenheit dem Entstehen zu lauschen. Die Töne, die dabei zu Tage treten sind das Beglückendste und Lebendigste, was man seit langem gesehen hat.

Ob das in den sehr viel größeren Raum des HAU 2 transferiert werden kann ohne die Intimität zu verlieren, wird sich zeigen.

HAU 2, Hebbel am Ufer, Berlin
Mi bis Sa 1.–4.Oktober 2014 »Sketches/Notebook«

Crowd Out

© Huy Don Ho Pham

1000 Stimmen ertönen im »flash mob« der Berliner Philharmoniker. Es wird gerufen, gesungen, gemurmelt, geraunt als bewegte sich die kritische Masse unsrer überindividualisierten Gesellschaft, in der sich das »Ich« immer mehr vereinzelt. Komponiert vom New Yorker David Lang kommt Crowd Out zur Deutschlandpremiere unter der Musikalischen Leitung von Simon Halsey.

Auf dem Vorplatz des Kulturforums Berlin – kostenlos und draußen

Samstag 14. Juni 2014 um 18 h
Sonntag, 15. Juni 2014 um 19 h
Dauer jeweils 30 min

London, Band Stand, Arnold Circus
Sat 21 Jun
15:30 Performance #1
18:00 Performance #2

Der Tanzflüsterer

© Thomas AurinVier Tänzer bewegen die »15 Variationen über das Offene« durch den Raum, loten ihm aus, streichen durch die Leere der Bühne, als wäre sie eine Ausgrabungsstätte mit der Gefahr, dass ein wertvoller Fund zertreten werden könnte. Die Fragilität wird von drei Livemusikern kongenial untermalt. In keinem Moment wird sie gestört. Der Flüsterton hält bis zum Ende. Laurent Chétouane inszeniert eine sachte Suche des Äußeren im Innen und der Innerlichkeit im Außen.
Heute noch mal um 20 h im HAU 1
Restkarten an der Abendkasse

31.08.2013

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Hüpfendes Glück

Gut zwei Wochen lang kann man jetzt auf den Südgelände in einem »Choreographic Object« von William Forsythe und Dana Caspersen herumspringen. 1997 feierte das »White Bouncy Castle« in London Premiere und durfte dort das erste Mal behüpft werden. Jetzt kommt es im Rahmen des Foreign Affairs Festivals der Berliner Festspiele nach Berlin.
Laufen, springen, sich gegen die Wand werfen, auf den Boden fallen kann man zum Soundtrack von Joel Ryan. Man sollte auch Kondition mitbringen, denn fürs Hüpfen braucht man ziemlich Puste. Am Wochenende ist mit Wartezeiten zu rechnen.

»White Bouncy Castle«
Freitag 28. Juni bis Sonntag, 14. Juli 2013
Di, Mi, Fr: 14:00–19:30 h
Do: 16:00–22:00 h
Sa & So 12:00–18:00 h
Lokhalle Schöneberg
Die Lokhalle Schöneberg befindet sich direkt hinter der S-Bahn Station Priesterweg, Ausgang Naturpark

Noch mehr Installationen von William Forsythe:
Suspense & The Defenders Part 3
Mi – Mo 12:00–19:00 h
Do 12:00 – 21:00 h
KW Institute for Contemporary Art

27.06.2013

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