kulturblogg

schönes, erfreuliches
und bemerkenswertes


Der meistgelesene Kulturblog der Hauptstadt – mit Kurzkritiken zu Theater, Tanz, Performance, Oper, Kunst, Kino und Literatur: bemerkenswert, sehenswert, hörenswert.

The ultimate culture blog — reviewing theatre, dance, performance, opera, art, film and literature: most widely read and much valued. Find out what‘s on.

Caligula

© Julian Röder

»Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich,« sagt Caligula am Anfang des anderthalb stündigen Abends. Er stellt das fest, aber glauben können wir ihm an keiner Stelle, dass er nur »ein wenig glücklich sein möchte.« Constanze Beckers Caligula scheint im Trockengefrierverfahren jedes Leben und jede Menschlichkeit verloren zu haben. So sinnentleert die Figur von Mord zu Mord Richtung Selbstzerstörung stolziert, so wenig betrifft uns das, was auf der Bühne passiert.

Antú Romero Nunes zielt hoch und stellt auch seinen Glauben an Theater, an Kunst in Frage. Sein groteskes Spektakel erzeugt Momente poetischer Absurdität und Kraft, wenn etwa die eben gemeuchelte Annika Meier virtuos wieder aufersteht. Das macht sie mit großer Verve. Aber anders als bei Richard III oder Orestie erreicht Nunes mit seiner Inszenierung die humanitäre Relevanz des Camus Textes nicht. »Wer alles versteht, handelt nicht«, heißt es am Ende. Und so verstehen wir vielleicht nicht Nichts, aber doch zu wenig.


Berliner Ensemble, Berlin
Fr 29. September 2017
So 1. Oktober 2017
Mo 2. Oktober 2017
Di 10. Oktober 2017
Di 17. Oktober 2017
Mi 18. Oktober 2017
Mi 25. Oktober 2017
So 29. Oktober 2017 jeweils um 19:30


Das achte Leben (Für Brilka)

© Armin Smailovic

Ein Sog, ein Brennen, ein Jahrhundertroman. Über 100 Jahre und 1200 Seiten umspannt der Roman von Nino Haratischwili, erzählt den Aufstieg und Fall des Kommunismus aus der Sicht von fünf Generationen der georgischen Familie Jaschi: Warum etwa aus dem freundlichen Kind Kostja ein gar nicht mehr freundlicher Großvater wird.

Jette Steckel schafft mit ihrer Bühnenfassung eine magische Adaption, aus dramatischen Episoden und heiteren Momenten, die den Zuschauer fast fünf Stunden in ihren Bann zieht. Die neun Spieler verweben die Verstrickungen ihrer Figuren mit dem System, mit den Herrschenden, mit den anderen, zu einen großen roten Teppich, der im Laufe des Abends Stück für Stück abgerollt wird. Sie tanzen, singen und spielen vor historischen Filmprojektionen und geben eine Ahnung davon, wie es hinter dem eisernen Vorhang gewesen sein könnte. Geschichte ist immer erstmal subjektiv – bevor Historiker bemüht sind eine Art Objektivität herzustellen. Jette Steckel bringt uns die Subjektivität der Figuren ganz nah und schreibt damit Geschichte.

Großes Kino, großes Theater. Stehende Ovationen.


Thalia Theater Hamburg
Di 11. April 2017 um 19 h
Sa 22. April 2017 um 19 h
So 23. April 2017 um 14 h
Sa 6. Mai 2017 um 19 h
So 7. Mai 2017 um 19 h
Mo 15. Mai 2017 um 19 h
Di 16. Mai 2017 um 19 h
Mi 28. Juni 2017 um 19 h
Do 29. Juni 2017 um 19 h
Fr 7. Juli 2017 um 19 h

 

Richard III

© Krafft Angerer

Was mit neun Toten enden soll beginnt mit einem Satz. Richard springt mitten in die Handlung und rührt die große Trommel: „Now is the winter of our discontent.“ Jörg Pohl turnt, tanzt und trommelt einen Richard, der ganz menschlich und nachvollziehbar bleibt, auch wenn er sich Mord um Mord tiefer in die Düsternis begibt.

Antú Romero Nunes wirft mit acht fabelhaften Spielern einen klugen und differenzierten Blick auf Shakespeares Drama. Das Böse kann grotesk sein, absurd, heiter. Die Schlächter von Srebrenica sollen liebevolle Familienväter gewesen sein. Wie passen Grausamkeit, Liebeshunger und Zärtlichkeit zusammen? Jörg Pohl erzählt uns das so schlüssig wie virtuos.

Dem Ensemble gelingt ein großer freier Abend, durchweht von Ahnungen der Menschlichkeit – und entlässt uns erstaunlich zuversichtlich.


Thalia Theater Hamburg
Sa 12. November 2016 um 15 h
So 13. November 2016 um 19 h
Do 8. Dezember 2016 um 20 h
Di 13. Dezember 2016 um 20 h
Mo 19. Dezember 2016 um 20 h

Sa 17. Juni 2017 um 20 h
So 18. Juni 2017 um 19 h
Mo 3. Juli 2017 um 20 h
Di 4. Juli 2017 um 20 h



Jérôme Bel

© Herman Sorgeloos

»Ich betrachte mich als bildenden Künstler,« sagt Jérôme Bel über sich. Und so benannte er sein zweites Stück einfach nach sich selbst. Das war 1995. Seine experimentelle Performance war seitdem über 160 Mal auf der ganzen Welt zu sehen. Die vier nackten Akteure sind noch die gleichen wie vor 20 Jahren. Nicht nur das macht die Inszenierung zur historischen Aufführung. Jérôme Bel zitiert aus den Happenings der 1960er Jahre und bringt diese wiederum in den Bühnenraum, spielt mit Köpern, Licht, Musik – und dem Publikum.

In der einstündigen Performance entwirft Bel gleichsam eine humorvolle »Gegendarstellung« zum Tanz. Er konfrontiert unsere Sehgewohnheiten mit nicht ausgebildeten, nicht-erotischen Anti-Körpern. Er reduziert seine Idee des Nicht-Tanzes bis zu einem minimalistischen Nullpunkt, wo er jeden Erzählstrang verweigert. Was ist Identität? Die Summe aus Marken, Maßen, Größen, Gewicht und Kontoständen?


Hebbel am Ufer, Berlin
Fr 16. September 2016
im Anschluss Publikumsgespräch

FIAF/Crossing the Line Festival, MoMA, New York
Do 27.– Sa 29. Oktober 2016

FringeArts, Live Arts Festival, Philadelphia
2. und 3. November 2016

Bookend Festival, Walker Art Center, Minneapolis
Fr 4. November 2016

 

Five Easy Pieces

© Phile Deprez

Der Art Center CAMPO in Ghent bittet Milo Rau ein Kinderstück mit belgischen Kindern zu machen. Nichts ist für ihn naheliegender als ein Stück über Marc Dutroux zu entwickeln. Belgien – KInder – Dutroux. Es heißt »Five Easy Pieces«, wie eine Fingerübung von Igor Strawinsky. Easy ist in diesem Reenactment aber gar nichts. Der Stoff hat es in sich. Der Zuschauer wird konfrontiert mit dem Zuschauen im Theater, mit Voyeurismus und mit Unerhörtem, was man nicht hören will – von Kindern noch viel weniger.

Die sieben Kinder zwischen 8 und 13 Jahren spielen und singen alles, ausser Marc Dutroux. Der bleibt eine Leerstelle, den will keiner spielen. Es gibt immer wieder Momente im Stück, an denen fragt man sich, ob es an Kindesmissbrauch grenzt, Kinder mit diesen Texten auf die Bühne zu stellen. Am Ende bekommt man das Gefühl, die Kinder nehmen das spielen als Spiel und nur die Erwachsenen haben ein Thema mit diesen existentiellen Themen. Großer erleichternder Applaus am Ende und viele intensive Bilder mit denen man nach Hause geht.


Sophiensäle Berlin
Sa 2. Juli 2016 um 19:30 h
So 3. Juli 2016 um 19:30 h

TOpublic Festival Oslo, Norwegen
7. und 8. Juli 2016 19 h

Singapore International Festival of Arts, Victoria Theatre Singapur
18. bis 20. August 2016 um 20 h

Münchner Kammerspiele, München
1. bis 3. Oktober 2016

Frascati Theater Amsterdam
Fr 10 Februar 2017 um 20:30 h
Sa 11 Februar 2017 um 20:30 h

Sick Festival, Manchester
Do 23 – Sa 25 März 2017

Raus

© Etienne Girardet, pacificografik.de

Ein Bauzaun versperrt den Blick auf die Bühne. Nach und nach bekommt der Zuschauer Einblick in das, was dahinter vor sich geht. Vierzig junge Berliner zwischen 13 und 19 Jahren singen, tanzen und spielen zum Thema »Raus«. Da geht es um Flüchtende, Freiheit, Grenzen, aber auch um Pubertät als Grenzerfahrung, erste Liebe, Mut und was es bedeutet anders zu sein.

Mit viel Gespür für zarte Nuancen und große Gesten inszeniert Rachel Hameleers, die künstlerischen Leiterin der Kreuzberger »Academy«, diesen hinreißenden Abend. Sie brennen, diese Kids, und sie reißen mit, mit Ihrer Begeisterung und ihrem Talent. Eine Produktion, die man auf keinen Fall verpassen darf.


Alte Feuerwache, Berlin
Mi 22. Juni 2016, 19:30 h
Do 23. Juni 2016, 19:30 h
Fr 24. Juni 2016, 19:30 h
Sa 25. Juni 2016, 16 h
Restkarten an der Abendkasse


Academy Casting Workshop
Sa 17. September 2016, 12–16 Uhr oder
So 18. September 2016, 12–16 Uhr  

 

Real Magic

© Forced Entertainment

Dieser Abend ist »Forced Entertainment«. Das Performance Kollektiv aus Sheffield macht seinem Namen alle Ehre. »Real Magic« bringt die großen Themen des Lebens auf den Punkt: Veränderung, Wandel, Umbruch. Und die Einschränkungen, die wir uns selbst auferlegen. Eine Metapher für Wegschauen, Grenzenschließen, Brexit.

Die Versuchsanordnung von »Real Magic« bewegt sich zwischen Spielshow und Zaubervorführung. Gedanken sollen gelesen werden. Eine winzige Szene aus dem Cabaret, die wir am Ende 36 Mal gesehen haben. Die drei Spieler Claire Marshall, Jerry Killick und Richard Lowdon zelebrieren in der Tradition Becketts die Absurdität des Scheiterns. Eine Niederlage nach der anderen wird vorgeführt. Ein Kandidat wird vorgeführt. Rollenwechsel.

Optimismus und Hoffnung bleiben bis zum Schluss. Und so ausweglos und unentrinnbar das Script, so sehr hofft man auf Erlösung. Eine pralle, rasend komische Show, bei der alle Beschreibungen scheitern müssen: Man muss »Real Magic« einfach sehen. Brillant.


Hebbel am Ufer, HAU2, Berlin
Fr 3. Juni 2016 um 20:30 h
Sa 4. Juni 2016 um 20:00 h
Show in English

 

John Gabriel Borkman

© Reinhard Maximilian Werner

Es schneit zwei Stunden lang. Ohne Pause. Simon Stone übermalt Ibsen mit neuer heutiger Sprache. Da fallen Nuancen unter den Tisch, dafür wirkt die Neufassung direkter, schneller und greller. Storytelling ist dem Regisseur wichtiger als die 120 Jahre alte Original-Sprache. Plötzlich ist Borkmann ein Frauenstück.

Martin Wuttke als Borkmann, Birgit Minichmayr als seine Frau und Caroline Peters als ihre Zwillingsschwester zaubern daraus exzellentes Schauspielertheater mit mehr Slap-Stick-Elementen und weniger Tragik. Man sieht ihnen gerne dabei zu, wie sie aus dem Vollen schöpfen. Fast geht man heiter aus diesem Abend.


Burgtheater Wien, Akademietheater
Termine für die neue Spielzeit folgen

Theater Basel
Termine für die neue Spielzeit folgen


In einer Aufzeichnung zu sehen auf 3sat

 

18.05.2016

0

Schiff der Träume

© Matthias Horn

Karin Beier baut einen Drei-Stunden-Abend wie ein Schiff. Er beginnt auf dem intellektuellen Oberdeck. Nah an Fellinis Film »Schiff der Träume«. Die geschlossene Gesellschaft der Orchestermitglieder probt »Human Rights Nr. 4«, das Opus ihres verstorbenen Dirigenten, auf dem Weg zu seiner Seebestattung in er Ägäis.

Dann die zweite Hälfte des Abends: Veränderung. In Seenot geratene Refugees werden gerettet und aufgenommen. Aber die »Geretteten« nehmen nicht, sie geben. Sie bringen Heil, Humor und Verjüngungsgene für unsere überalterten mitteleuropäischen Gesellschaften. Das proklamieren sie herrlich ironisch, rasant, farbig und bewegend. Ihr »Schwarzen Humor« überrascht und stellt manches auf den Kopf. Trotzdem meint die Oberdeckgesellschaft: Das Boot sei voll. Die drögen weißen Herrenmenschen kommen mit den aufregenden schwarzen Afrikanern nicht wirklich zusammen. Und der Abend nicht wirklich mit seinen Ansprüchen.


Deutsches Theater Hamburg
Sa 28. Mai 2016 um 19:30 h
So 19. Juni 2016 um 18:00 h

 

Mitleid. Die Geschichte des Maschinegewehrs

© Daniel Seiffert

Flüchtlinge kommen zu uns und bringen ihre Geschichte mit. Scheinbar hat es diese massive Migrationsbewegung gebraucht, bis Europa aufhorchte und begriff, was in Syrien passiert. Milo Raus Inszenierung thematisiert die Arroganz der Berichterstattung und die Arroganz des Helfens.

Ursina Lardis Kunstfigur berichtet als Ich-Erzählerin von ihren »Erfahrungen« als Helferin. Die Texte speisen sich aus Interviews mit NGO-Mitarbeitern, Geistlichen und Kriegsopfern in Afrika und Europa. Nahe kommt einem das nicht. Und vielleicht soll es das auch nicht. Ursina Lardi spielt eine Schauspielerin, die eine Schauspielerin spielt, die einen Text vorträgt. Milo Rau konfrontiert die Erwartung des Zuschauers mitzuleiden oder sich einzufühlen mit kühler Arroganz.

Inhaltlich hält der Abend eher denen den Spiegel vor, die vermutlich nicht ins Theater gehen. Für die Anwesenden aber ist die kolonial und globale Kapitalismuskritik in weiten Strecken absehbar und wenig überraschend. Am Ende bleib auch ein Geschmack von »gut gemeint«. Milo Rau hat erheblich Grundsätzlicheres auf die Bühne gebracht – wie etwa mit Hate Radio.


Schaubühne, Berlin
Do 31.März 2016 bis So 3.April 2016
So 10. und Mo 11. April 2016
Weitere Termine im Mai:
15.,18.,19.,,20., 26., 27., 28., 31. Mai 2016


Borgen

© Arno Declair

»Kann ich politisch erfolgreich sein und ich selbst bleiben?«, fragen chorisch immer wieder die vier Schauspieler. Nicolas Stemann dampft die 30 Stunden der Erfolgsfernsehserie »Borgen«, um die idealistische dänische Premierministerin Birgitte Nyborg, auf knapp vier Stunden ein. Statt Textzettel gibt es passend Teleprompter über den Köpfen der Zuschauer. Stemann hält sich streckenweise wörtlich an die Dialoge der Originalvorlage, doch scheint der Regisseur dem Zuschauer eher den Glauben an Politik und Demokratie nehmen zu wollen und liefert dazu einen kritischen Blick auf die Serie.

Die Reduzierung des Umfangs produziert manchmal komische Momente der Überzeichnung, oft aber eine holzschnittartige Verflachung. Einblicke und Einsichten, wie Politik gemacht wird und dass es sich auch um ein Handwerk handelt, wie man zu einer Lösung kommt, bleiben auf der Strecke. Die Entzauberung der Figuren und der Politik an sich scheint gewollt: Kommentierende Sidekicks und Kapitalismuskritik sind zwar lustig, bleiben aber im Vergleich zur aktuellen politische Lage eher harmlos. Die Schauspieler machen allesamt einen phantastischen Job und man sieht ihnen, trotz der Längen, gerne dabei zu, wie sie spielend in die 40 verschiedenen Rollen schlüpfen.

Schaubühne, Berlin
Mo 15. Februar 2016
Di 16. Februar 2016
Mi 17. Februar 2016
So 6. März 2016
Mo 7. März 2016
Di 8. März 2016
Sa 30. April 2016
So 1. Mai 2016

Peter Pan

© Annette Boutellier

Staunen, Kreischen, Tanzen. Das Publikum sitzt nicht still. Egal ob Groß oder Klein. Der Junge, der nicht erwachsen werden will, entzückt nicht nur die Kinder. In der kongenialen Zusammenarbeit von Regisseur Michael Lippold und den Musikern von »The bianca Story« gelingt eine abenteuerlustige Inszenierung. Die Schauspieler machen einen phantastischen Job und es ist eine Freude ihnen zuzusehen.

So entsteht schon nach wenigen Szenen eine Sogkraft, die in der Flugszene ihren Höhepunkt findet. Hier wird das Weihnachtsmärchen zum sphärenhaften Rockkonzert und man möchte, dass sie ewig weiter fliegen. »The bianca Story« liefert eine Menge Input mit den hitverdächtigen Songs, eigens entwickelt und komponiert für dieses Stück.

Anders als in der Vorlage von J.M. Barrie, lässt Lippold das Ende offen, und doch singt die Band: Hope there is Hope …  Also schnell auf nach Bern.

Konzert Theater Bern, Stadttheater Bern
Mon 28. Dezember 2015, 15 und 19:30 h
Sa 2. Januar 2016 um 15 h
So 3. Januar 2016, 15 h
So 10. Januar 2016, 8 h
Mi 17. Februar 2016,  19:30 h

 

Testament

© Doro Tuch

Dass man Shakespeares King Lear derart demontieren kann und dabei nah und dicht erzählen kann, das haben She She Pop bewiesen, als sie im Februar 2010 mit Testament herauskamen. Nie ist man näher zum Kern der Sache vorgedrungen, nie hat man die Vater-Tocher-Beziehung besser verstanden. Und wurde dabei besser unterhalten: man lacht und weint und tanzt mit den Spielern auf der Bühne. Durchlebt verstörende Momente, in denen alle Hüllen fallen und nur das übrig bleibt, was vielleicht bleibt, wenn eine Generation geht und eine andere zurück lässt.

Jetzt ringen She She Pop und ihre Väter noch einmal um Liebe, Anerkennung und Annahme. Zum letzten Mal ist ihre Lear-Adaption in Berlin und in München zu sehen. Dringend empfohlen.


Hebbel am Ufer, HAU 2, Berlin
Di 24. November 2015
Do 26. November 2015
Sa 28. November 2015
So 29. November jeweils 20 h
Restkarten an der Abendkasse


Kammerspiele München
Fr 18. Dezember 2015
Sa 19. Dezember 2015

Wintersonnenwende

@ Arno Delair

Ein Mann, eine Frau, nicht mehr ganz jung, noch nicht alt, der Abend vor Weihnachten, sie streiten. Es geht um die angekommene Schwiegermutter, aber eigentlich wird nichts wirklich verhandelt, man weist sich zurecht. Hätte Yasmina Reza und nicht Roland Schimmelpfennig das Stück geschrieben, würde es an der Kömodie am Kurfürstendamm aufgeführt und dann wäre der Bekannte der Mutter sicher kein national tönender Arzt aus Paraguay. Seine unwirklichen Einwürfe überraschen aber wenig und gewendet wird hier auch nichts.

Jan Bosse inszeniert eine gestelzte Künstlichkeit, wie man sie zweifellos in vielen Haushalten am 23. Dezember finden wird. Die Lebendigkeit ist dahin. Der »Clash of Cultures« zwischen dem linksintellektuellen Hausherren und dem herein geschneiten faschistischen Musikliebhaber ist so spannend wie der Weihnachtsbaum: unecht, abwaschbar und immergrün.


Deutsches Theater, Berlin
Sa 24. Oktober 2015
Di 27. Oktober 2015
So 8. November 2015
Do 12. November 2015
Fr 27. November 2015

Münchhausen

© Arno Declair

Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm: Milan Peschel wartet auf Münchhausen. Und das macht er mit Vergnügen – er hat die ganze Bühne für sich. Fabuliert und kalauert über sich als Figur, über
Eitelkeit, Theater und das chronische Hochstaplergefühl. Armin Petras wird mit diesem Monolog wohl nicht in die Theateranalen eingehen, aber Jan Bosse inszeniert doch einen konsequenten Showdown mit vielen aberwitzigen Anspielungen. 

Der Abend strotzt vor Zitaten und man begegnet unter anderen dem Grafen Wronski, den Peschel vor ein paar Jahren in Jan Bosses Anna Karenina-Inszenierung spielte. Der kaugummikauende Frank Castorf kommt vor, Martin Kippenberger und Woody Allen.
»Die Ewigkeit dauert lange, besonders zum Ende hin«, zitiert Peschel. Das Zitat sitzt.


Deutsches Theater Berlin
So 11. Oktober 2015, um 18 h
Fr 16. Oktober 2015, um 20 h
Do 29. Oktober 2015, um 20 h

Bayreuther Festspiele

»Das älteste, echteste und schönste Organ der Musik, das Organ, dem unsere Musik allein ihr Dasein verdankt, ist die menschliche Stimme.«


Richard Wagner

25.07.2015

0

Tino Sehgal

© Mathias Völzke

Eine große Werkschau im Martin-Gropius-Bau – und es gibt keine Fotos, kein Plakat, keinen Katalog. Das ist Konzept. Man muss kommen und selbst erfahren, was hier passiert. Es wird gesungen, gesummt, geredet, getanzt, geküsst, das Museum wird zur Bühne, der Betrachter zum Mittäter und was man erlebt, bewegt sich irgendwo zwischen Tanzperformance und Aktionskunst.

Präsentiert werden fünf Werke, unter anderem »This Variation« von der Documenta 2012, bei dem die Performer mächtig aufmischen. William Forsythe sagte einmal zu seinem Eleven Tino Seghal, er hätte die Tanzwelt nicht verlassen, er hätte sie erweitert.

Das tut Sehgal auch mit seiner walking installation namens »This Progress«, die gerade im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird. Der Rundgang beginnt mit einer Frage, die einem ein Kind stellt: Was ist Fortschritt? Je nachdem was man antwortet, wird dieses Gespräch weitergeführt von Teenagern, Erwachsenen und Senioren. Das machte Sehgal schon im Guggenheim in New York und auf der Agora in Athen.

Beides große Kunst und unbedingtes Muss für diesen Kultursommer.


Werkschau
Martin-Gropius-Bau, Berlin
28.6.bis 8.8.2015
Mi–Mo 10 bis 19 h

»This Progress«
Foreign Affairs – International Performing Arts Festival
Haus der Berliner Festspiele, Berlin
25.6. bis 5.7.2015, jeweils von 17 bis 21 Uhr

 

Table Top Shakespeare

© Hugo Glendinning

Ein Tisch, ein Schauspieler, ein Drama. Forced Entertainment erzählt alle 36 Dramen von William Shakespeare im Taschenformat. In jeweils 50 Minuten, zu jeder vollen Stunde je eines, täglich vier, neun Tage lang – auf dem Foreign Affairs Festival.

Die Figuren von Shakespeares Stücken treten als Pfeffermühle auf, als Bierflasche, Zahnpastatube, Salzstreuer. Ein Schauspieler erzählt uns was bei Macbeth passiert, oder bei der Widerspenstigen Zähmung. Aus der Verdichtung der Dichtung entsteht eine konzentrierte und intime Atmosphäre und man lauscht der Erzähler Stimme als säße man auf Großmutters Schoß beim Märchenhören. Großes Kino.

Es gibt noch Karten. Und vor allem gibt es alle Vorstellungen im Live-Stream

Berliner Festspiele, Berlin
Täglich bis Sa 4.7.2015
18 – 21 h zu jeder vollen Stunde

Das schweigende Mädchen

© JU/Ostkreuz

Ein schauriges Jüngstes Gericht macht Elfriede Jelinek aus dem NSU-Prozess. Johan Simons reduziert die Polemik auf 40 Seiten und lässt sie von acht Schauspielern verlesen, als wären es die Prozessprotokolle selbst. Den Toten gedenkend sitzen da Engel, Propheten, Jungfrauen, Jesusfiguren und erörtern das Nichtwissen, das Wissen-Wollen und das Verstehen.

Die Produktion der Münchner Kammerspielen war bei den Autoren Theatertagen am Deutschen Theater Berlin zu Gast und wird noch ein letztes mal in München zu sehen sein.

Derniere
Münchner Kammerspiele, München
Sa 11.07.2015

Hausbesuch Europa

© Rimini Protokoll (Haug/Kaegi/Wetzel)

Wer ist Europa, fragen und hinterfragen Rimini Protokoll in ihrer neuesten Produktion »Hausbesuch« Europa«. Zur verabredeten Zeit finden sich 15 Unbekannte in einer Privatwohnung ein und versammeln sich um den großen Wohnzimmertisch. Darauf eine mit europäischen Länderumrissen bemalte Papiertischdecke. Jeder malt ein Dreieck aus Geburtsort, Sehnsuchtsort und Auslandsaufenthaltsort. Es gibt an diesem Abend keine Zuschauer – nur Mitwirkende.

Rimini Protokoll hat ein vergnügliches Gesellschaftsspiel zusammen gebastelt: Ein kleine blinkende Maschine wird von einem Spieler zum nächsten bewegst. Auf Knopfdruck spuckt sie Fragen aus: Wer kann von seiner Arbeit leben? Wer hat Angst vor der Zukunft? Wie sehr vertraust du den Anwesenden?

Am Ende des Abends ergeben die erlebten Puzzelteile kein Bild von Europa, eher eine vage Ahnung: Wie viel oder wenig kennt man seine Nachbarn? Wie viel engagieren sich Menschen? Wie viel Europa sind wir? In Berlin wird die immer gleiche Spielanordnung in 80 verschiedenen Wohnungen gegeben. Hausbesuch Europa bietet eine spannende Begegnung mit dem Gegenteil von Durchschnitt und Repräsentanz. Ganz privat, ganz nah und doch nicht unpolitisch.


Hebbel am Ufer, Berlin (Spielorte unterschiedlich)
Restkarten unter Tel. +49 (0)30.259004 -27
6. bis 22. Mai 2015, täglich 17 und 21 h

Bergen International Festival, Bergen
31. Mai bis 9. Juni 2015

Malta Festival, Malta
15. bis 26. Juni 2015

Theaterformen, Hannover
3. bis 12. Juli 2015

Sort/Hvid, Kopenhagen
15. bis 27. September 2015

Weitere Spielorte Toulouse, Amsterdam, Prag.

Platonow

© Luk Perceval

Die neun Spieler stehen an der Rampe und schauen ins Licht – in messianischer Erwartung von Platonow. Die gut anderthalb Stunden spielen sie hinein in diesen Raum, wartend, hoffend, in den Augen eine unstillbare Sehsucht nach Verbindung. Untermalt und umspielt wird die sonst leere Bühne von Jens Thomas mit Flügel und Stimme.

Luk Perceval und sein Ensemble vom NTGent findet einen unszenischen, aber hochdramatischen Zugriff auf den Stoff von Tschechow. Unvergleichlich präzise und mit radikaler Klarheit legen sie den Kern des Stückes frei. Der Mensch will viel mehr lieben, als er vermag. Daran scheitern letztlich alle Figuren. »Muss denn jede Liebe auf die gleiche Weise geliebt werden?«, fragt Platonow.

Ein großer Wurf mit wohltuender Gradlinigkeit. Absolut sehenswert.

Hebbel am Ufer, HAU1 Berlin
Mi 29.4.2015 um 20 h

 

The Civil Wars

© Marc Stephan

Auf der Bühne passiert nicht viel: auf einem Podest ein Wohnzimmer, darin vier Menschen, darüber im close-up ihre Gesichter auf einer Filmleinwand. Man schaut wie durch einen Guckkasten in die Leben der vier belgischen und französischen Schauspieler. Die erzählen ihre ganz privaten Geschichten, fragen nach ihrem eigenen Glauben, ihrer politischen Überzeugung.

Es ist Milo Raus persönlichstes Stück. Kein dokumentaristischer Zugriff, wie man ihn sonst vom »International Institute of Political Murder« kennt, keine großen Kriege, keine Völkermorde, es geht um die Kriege im kleinen, die Brutalisierung der Gesellschaft – hausgemachte Kriege.

Der rote Faden der »home-made war zone« verliert sich im Laufe des Abends, man folgt den Spielern aber gebannt, weil sie einen ganz dicht heran lassen, an das was sie zu erzählen haben. The Civil Wars glückt vor allem, weil einem die Menschen nahe kommen, nicht unbedingt mit dem, was erzählt wird, sondern wie es erzählt wird.


Schaubühne Berlin, im Rahmen von F.I.N.D. #15
Sa 18. April 2015
So 19. April 2015

Wiener Festwochen, brut im Künstlerhaus, Wien
13. – 15. Juni 2015

Grec Festival, Barcelona
23. bis 27. Juli 2015

Spielart Festival München
30. Oktober bis 1. November 2015

Ecce Ekzem Homo

© Andrea Huber

Atmosphärisch bringen die Well Buben aus dem Biermoss den Abend zum klingen und die Zuschauer zum singen. Und mitten drin: Gerhard Polt. Der Monolith. Geschliffen scharf und ausschweifend klug. Verhandelt wird der Wert des Menschen und die Menschlichkeit, Unmenschlich- und Unmöglichkeit der Nachbarschaft – im Besonderen mit Herrn Merki.

Vom Lampedusa-Flüchling bis zum korrupten Landrat kommt alles vor: singend, jodelnd und schuhplattelnd in der Reihenhaussiedlung. Texte vom Feinsten, Musik von Hand gemacht und eine Spielfreude, die ansteckt.

Der Abend tut den Kammerspielen sichtlich gut, nicht nur weil er zu 100% ausverkauft ist. Die meisten Zuschauer sitzen die zweieinhalb Stunden mit einem Dauergrinsen im Saal. So viel Spaß hat das Haus selten erlebt und wenn man für den Kult-Abend Karten haben will, muss man früh aufstehen und bereit sein dafür Schlange zu stehen. Aber, soviel sei verraten: eine Mühe, die sich lohnt.

Münchner Kammerspiele
Restkarten an der Abendkasse:
Fr. 10. April 2015
So. 12. April
Mi. 15. April
Sa. 25. April

Im Vorverkauf ab 16.4.:
Sa. 09. Mai 2015
So. 10. Mai 2015
Mo. 18. Mai 2015
So. 24. Mai 2015

Common Ground

© Esra Rotthoff

Common Ground ist nicht der kleinste gemeinsame Nenner, eher die größte gemeinsame Vielfalt, kein Betroffenheitstheater, obwohl alle 8 Spieler betroffen sind. Sie erzählen Versatzstücke aus ihrem Leben – von selbst erlebten Kriegswirren und einer gemeinsamen Bosnienreise –, verschnitten mit historischen Ereignissen des Jugoslawienkrieges.

Das von Yael Ronen und den Schaupielern kollektiv erarbeitete Stück ist erfreulicherweise wirklich ein Stück: direkt, intensiv und dringlich. Eben keine wohlfeile Lecture Performance über Krieg, Schuld, Vergebung, Verdrängung, Vergessen. Es geht richtig zur Sache und so geht man ergriffen und bewegt aus dem Theater und fragt sich, wie sie das machen, selbst betroffen zu sein, die eigene Geschichte zu spielen, auf der Bühne gleichzeitig Figur wie Mensch zu sein. Es gelingt ihnen ein ergreifendes Plädoyer für Menschlichkeit und Frieden.

Common Ground wurde zum Theatertreffen 2015 und zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen.

Gorki Theater Berlin

Do 7. Mai 2015
Fr 8. Mai 2015
Fr 15. Mai 2015
Fr 12. Juni 2015
Sa 27. Juni 2015
So 28. Juni 2015, jeweils 19:30 h

Mülheimer Theatertage
So 31. Mai 2015

Schillertage, Mannheim
Mo 15. Juni 2015

A Flowering Tree

© Mats Bäcker

Die zeitgenössische Oper von John Adams erlebte gerade ihre blühende Skandinavien Premiere. Mit opulenter Reduziertheit und traumwandlerischer Unmittelbarkeit inszeniert Nicola Raab das indische Märchen zu einem Gesamtkunstwerk. Vom ersten Moment entfaltet sich der Abend mit großer Selbstverständlichkeit als Musik-Tanz-Theater in grandiosen Bildern.

Die Liebesgeschichte, die mit ihren Prüfungen an die Zauberflöte erinnert, wird von nur drei Sängern erzählt und berührt in ihrer Einfachheit. Ein unspektakuläres Spektakel höchster Klangkunst. Stehende Ovationen bei der Premiere. Und eine Reise nach Göteborg wert.


Göteborgs Operan
So. 15. Februar 2015
Fr. 20. Februar 2015
So. 1. März 2015
Do. 5. März 2015
So. 15. März 2015
Mit. 18. März 2015
Sa. 21. März 2015
Sa. 28. März 2015

Alle anzeigen Impressum Kooperationspartner: livekritik.de