kulturblogg

schönes, erfreuliches
und bemerkenswertes


Der meistgelesene Kulturblog der Hauptstadt – mit Kurzkritiken zu Theater, Tanz, Performance, Oper, Kunst, Kino und Literatur: bemerkenswert, sehenswert, hörenswert.

The ultimate culture blog — reviewing theatre, dance, performance, opera, art, film and literature: most widely read and much valued. Find out what‘s on.

Caligula

© Julian Röder

»Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich,« sagt Caligula am Anfang des anderthalb stündigen Abends. Er stellt das fest, aber glauben können wir ihm an keiner Stelle, dass er nur »ein wenig glücklich sein möchte.« Constanze Beckers Caligula scheint im Trockengefrierverfahren jedes Leben und jede Menschlichkeit verloren zu haben. So sinnentleert die Figur von Mord zu Mord Richtung Selbstzerstörung stolziert, so wenig betrifft uns das, was auf der Bühne passiert.

Antú Romero Nunes zielt hoch und stellt auch seinen Glauben an Theater, an Kunst in Frage. Sein groteskes Spektakel erzeugt Momente poetischer Absurdität und Kraft, wenn etwa die eben gemeuchelte Annika Meier virtuos wieder aufersteht. Das macht sie mit großer Verve. Aber anders als bei Richard III oder Orestie erreicht Nunes mit seiner Inszenierung die humanitäre Relevanz des Camus Textes nicht. »Wer alles versteht, handelt nicht«, heißt es am Ende. Und so verstehen wir vielleicht nicht Nichts, aber doch zu wenig.


Berliner Ensemble, Berlin
Fr 29. September 2017
So 1. Oktober 2017
Mo 2. Oktober 2017
Di 10. Oktober 2017
Di 17. Oktober 2017
Mi 18. Oktober 2017
Mi 25. Oktober 2017
So 29. Oktober 2017 jeweils um 19:30


Kreatur

© Sebastian Bolesch

Ein Klang-, Licht-, Kostüm- und Bewegungsteppich vom Feinsten. Anderthalb Stunden lang breiten Sasha Waltz und ihre vierzehn Tänzer ein Perfektionssektakel auf der Bühne aus, das ästhetischer kaum sein könnte. Die Kostüme entstammen gleichsam einem Bauhaus des 21. Jahrhunderts und illustrieren, wie schöne Hüllen manchmal nur schöne Geräusche produzieren – ohne etwa zu erzählen.

Es gibt die Waltz’schen Körperansammlungen, -entblößungen, -verknotungen, dazu Verzerrfolien, Pusteblumenoutfits, einen Balken, eine Treppe. Es tut sich viel, manchmal auch unisono, allein die Wildheit der Kreaturen hält sich in klar definierten Grenzen. Kontrolle dominiert. Ausbrüche oder Überraschungen fehlen.

Vielleicht hätte der Abend als begehbare Installation in seiner Breite gut funktioniert, die Verdichtung des Stoffes zu einem Bühnenstück hätte man sich weit deutlicher gewünscht. Jubelrufe und Buhs.


Tanz im August, Haus der Berliner Festspiele
Do 24. August 2017 um 21 h

Radialsystem Berlin
Mi 20. Dezember 2017
Do 21. Dezember 2017
Fr. 22. Dezember 2017
Mi 27. Dezember 2017
Do 28. Dezember 2017
Fr 29. Dezember 2017 jeweils um 20 h


David Bowie

»Tomorrow belongs to those who can hear it coming.«

Das achte Leben (Für Brilka)

© Armin Smailovic

Ein Sog, ein Brennen, ein Jahrhundertroman. Über 100 Jahre und 1200 Seiten umspannt der Roman von Nino Haratischwili, erzählt den Aufstieg und Fall des Kommunismus aus der Sicht von fünf Generationen der georgischen Familie Jaschi: Warum etwa aus dem freundlichen Kind Kostja ein gar nicht mehr freundlicher Großvater wird.

Jette Steckel schafft mit ihrer Bühnenfassung eine magische Adaption, aus dramatischen Episoden und heiteren Momenten, die den Zuschauer fast fünf Stunden in ihren Bann zieht. Die neun Spieler verweben die Verstrickungen ihrer Figuren mit dem System, mit den Herrschenden, mit den anderen, zu einen großen roten Teppich, der im Laufe des Abends Stück für Stück abgerollt wird. Sie tanzen, singen und spielen vor historischen Filmprojektionen und geben eine Ahnung davon, wie es hinter dem eisernen Vorhang gewesen sein könnte. Geschichte ist immer erstmal subjektiv – bevor Historiker bemüht sind eine Art Objektivität herzustellen. Jette Steckel bringt uns die Subjektivität der Figuren ganz nah und schreibt damit Geschichte.

Großes Kino, großes Theater. Stehende Ovationen.


Thalia Theater Hamburg
Di 11. April 2017 um 19 h
Sa 22. April 2017 um 19 h
So 23. April 2017 um 14 h
Sa 6. Mai 2017 um 19 h
So 7. Mai 2017 um 19 h
Mo 15. Mai 2017 um 19 h
Di 16. Mai 2017 um 19 h
Mi 28. Juni 2017 um 19 h
Do 29. Juni 2017 um 19 h
Fr 7. Juli 2017 um 19 h

 

Lohengrin

© Marcus Lieberenz

Klaus Florian Vogt ist Lohengrin. Und seiner nicht einordenbaren gleichsam überirdischen Stimme kann man stundenlang zuhören. Er kommt als Gottgesandter, gestehst Elsa nach zwei Minuten seine Liebe, und stellt dazu gleich eine klare Bedingung: »Nie sollst du mich befragen …« – und damit eines der berühmtesten Leitmotive der Oper vor.

Der mythische Retter mit Engelsflügeln findet in John Lundgren, als Friedrich von Telramund, einen starken Gegenspieler, dem stimmlich wie darstellerisch ein vielschichtiger und packender Zugriff gelingt. Es lohnt also die Besetzungsliste zu studieren.

Kasper Holten will die politische Dimension des Stückes erzählen: Der Gerichtskampf ist auch ein Kampf um die Fürstenwürde von Brabant. Dafür hat er einige klare Bilder gefunden. Eine sehenswerte Inszenierung, die immer wieder mit Starbesetzungen aufwartet.


Deutsche Oper Berlin
So 5. Februar 2017 um 16 h

 

Salome

© Monika Rittershaus

Nicht gerade eine schöne Geschichte, die Oscar Wilde dramatisierte und Richard Strauss vertonte. Beide fasziniert von der christlich-mythologische Frauengestalt, die fortan weibliche Grausamkeit und erotische Schönheit zugleich verkörperte.

Claus Guth findet eine schlüssige Inszenierung für Strauss’ rauschhafte Musik und die scheinbar unerklärliche Grausamkeit der Salome. Aus dem Tanz der sieben Schleier macht er eine Rückschau in die Kindheit der Hauptfigur, so dass am Ende sieben Salomes über die Bühne tanzen.

Der 90 Minuten Abend ist auch stimmlich hochkarätig besetzt: Allison Oakes dramatisiert kongenial diese Zerrissenheit der Figur, der Gewalt angetan wurde und die am Ende Gewalt antut. Ein hörenswerter Abend.


Deutsche Oper Berlin
Fr 13.01.2017 um 20 h


Wir sind viele

© Jim Rakete

Eigentlich sind wir darauf trainiert weg zu schauen, wenn jemand anders aussieht oder sich anders bewegt. Die aktuelle Ausstellung »Wir sind viele« lässt uns hinschauen. Jim Rakete hat 50 Menschen mit Behinderungen fotografiert: mit Epilepsie, mit psychischen Leiden, mit Gewalt- und Suchterfahrungen, mit unheilbaren Krankheiten. Menschen, die obdachlos oder schutzbedürftig sind.

Er bereiste dafür unterschiedlichste Einrichtungen Bethels: von Berlin bis Bielefeld, von Hannover bis Dortmund, Freistatt, Lobetal und Blütenberg. Und im Katalog kann man die Geschichten hinter den Gesichtern nachlesen. Das macht den Ausstellungsbesuch noch lebendiger.

Eine große Ausstellung mit großen Portraits. Und Lebensfreude pur. Dringend empfohlen.


Deutscher Bundestag, Berlin
Bis Freitag 10. Februar 2017
geöffnet Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr
Paul-Löbe-Haus, Eingang West
Konrad-Adenauer-Straße 1, 11011 Berlin

Besichtigung nur mit Anmeldung möglich.
Anmelden kann man sich hier (es geht nicht ohne)
Personalausweis beim Besuch bitte mitbringen.

Schönheit

»I came so far for beauty
I left so much behind.«

Leonhard Cohen

Richard III

© Krafft Angerer

Was mit neun Toten enden soll beginnt mit einem Satz. Richard springt mitten in die Handlung und rührt die große Trommel: „Now is the winter of our discontent.“ Jörg Pohl turnt, tanzt und trommelt einen Richard, der ganz menschlich und nachvollziehbar bleibt, auch wenn er sich Mord um Mord tiefer in die Düsternis begibt.

Antú Romero Nunes wirft mit acht fabelhaften Spielern einen klugen und differenzierten Blick auf Shakespeares Drama. Das Böse kann grotesk sein, absurd, heiter. Die Schlächter von Srebrenica sollen liebevolle Familienväter gewesen sein. Wie passen Grausamkeit, Liebeshunger und Zärtlichkeit zusammen? Jörg Pohl erzählt uns das so schlüssig wie virtuos.

Dem Ensemble gelingt ein großer freier Abend, durchweht von Ahnungen der Menschlichkeit – und entlässt uns erstaunlich zuversichtlich.


Thalia Theater Hamburg
Sa 12. November 2016 um 15 h
So 13. November 2016 um 19 h
Do 8. Dezember 2016 um 20 h
Di 13. Dezember 2016 um 20 h
Mo 19. Dezember 2016 um 20 h

Sa 17. Juni 2017 um 20 h
So 18. Juni 2017 um 19 h
Mo 3. Juli 2017 um 20 h
Di 4. Juli 2017 um 20 h



Jérôme Bel

© Herman Sorgeloos

»Ich betrachte mich als bildenden Künstler,« sagt Jérôme Bel über sich. Und so benannte er sein zweites Stück einfach nach sich selbst. Das war 1995. Seine experimentelle Performance war seitdem über 160 Mal auf der ganzen Welt zu sehen. Die vier nackten Akteure sind noch die gleichen wie vor 20 Jahren. Nicht nur das macht die Inszenierung zur historischen Aufführung. Jérôme Bel zitiert aus den Happenings der 1960er Jahre und bringt diese wiederum in den Bühnenraum, spielt mit Köpern, Licht, Musik – und dem Publikum.

In der einstündigen Performance entwirft Bel gleichsam eine humorvolle »Gegendarstellung« zum Tanz. Er konfrontiert unsere Sehgewohnheiten mit nicht ausgebildeten, nicht-erotischen Anti-Körpern. Er reduziert seine Idee des Nicht-Tanzes bis zu einem minimalistischen Nullpunkt, wo er jeden Erzählstrang verweigert. Was ist Identität? Die Summe aus Marken, Maßen, Größen, Gewicht und Kontoständen?


Hebbel am Ufer, Berlin
Fr 16. September 2016
im Anschluss Publikumsgespräch

FIAF/Crossing the Line Festival, MoMA, New York
Do 27.– Sa 29. Oktober 2016

FringeArts, Live Arts Festival, Philadelphia
2. und 3. November 2016

Bookend Festival, Walker Art Center, Minneapolis
Fr 4. November 2016

 

Five Easy Pieces

© Phile Deprez

Der Art Center CAMPO in Ghent bittet Milo Rau ein Kinderstück mit belgischen Kindern zu machen. Nichts ist für ihn naheliegender als ein Stück über Marc Dutroux zu entwickeln. Belgien – KInder – Dutroux. Es heißt »Five Easy Pieces«, wie eine Fingerübung von Igor Strawinsky. Easy ist in diesem Reenactment aber gar nichts. Der Stoff hat es in sich. Der Zuschauer wird konfrontiert mit dem Zuschauen im Theater, mit Voyeurismus und mit Unerhörtem, was man nicht hören will – von Kindern noch viel weniger.

Die sieben Kinder zwischen 8 und 13 Jahren spielen und singen alles, ausser Marc Dutroux. Der bleibt eine Leerstelle, den will keiner spielen. Es gibt immer wieder Momente im Stück, an denen fragt man sich, ob es an Kindesmissbrauch grenzt, Kinder mit diesen Texten auf die Bühne zu stellen. Am Ende bekommt man das Gefühl, die Kinder nehmen das spielen als Spiel und nur die Erwachsenen haben ein Thema mit diesen existentiellen Themen. Großer erleichternder Applaus am Ende und viele intensive Bilder mit denen man nach Hause geht.


Sophiensäle Berlin
Sa 2. Juli 2016 um 19:30 h
So 3. Juli 2016 um 19:30 h

TOpublic Festival Oslo, Norwegen
7. und 8. Juli 2016 19 h

Singapore International Festival of Arts, Victoria Theatre Singapur
18. bis 20. August 2016 um 20 h

Münchner Kammerspiele, München
1. bis 3. Oktober 2016

Frascati Theater Amsterdam
Fr 10 Februar 2017 um 20:30 h
Sa 11 Februar 2017 um 20:30 h

Sick Festival, Manchester
Do 23 – Sa 25 März 2017

Raus

© Etienne Girardet, pacificografik.de

Ein Bauzaun versperrt den Blick auf die Bühne. Nach und nach bekommt der Zuschauer Einblick in das, was dahinter vor sich geht. Vierzig junge Berliner zwischen 13 und 19 Jahren singen, tanzen und spielen zum Thema »Raus«. Da geht es um Flüchtende, Freiheit, Grenzen, aber auch um Pubertät als Grenzerfahrung, erste Liebe, Mut und was es bedeutet anders zu sein.

Mit viel Gespür für zarte Nuancen und große Gesten inszeniert Rachel Hameleers, die künstlerischen Leiterin der Kreuzberger »Academy«, diesen hinreißenden Abend. Sie brennen, diese Kids, und sie reißen mit, mit Ihrer Begeisterung und ihrem Talent. Eine Produktion, die man auf keinen Fall verpassen darf.


Alte Feuerwache, Berlin
Mi 22. Juni 2016, 19:30 h
Do 23. Juni 2016, 19:30 h
Fr 24. Juni 2016, 19:30 h
Sa 25. Juni 2016, 16 h
Restkarten an der Abendkasse


Academy Casting Workshop
Sa 17. September 2016, 12–16 Uhr oder
So 18. September 2016, 12–16 Uhr  

 

Deleted Scenes

© Dieter Hartwig

Was macht eine Ballettausbildung aus einem Körper? Wie bestimmt die Erfindung von Ballett unsere Wahrnehmung? Sergiu Matis beginnt seine humorvolle Ausgrabungsarbeit 1661, mit der Gründung der Académie Royale de Danse in Paris. Gemeinsam mit Maria Walser und Corey Scott-Gilbert erkundet er verschüttete Bewegungen, die vielleicht wegen des dominanten Ballettvokabulars auf der Strecke blieben.

Der Abend spekuliert und fabuliert über vermeintlich Gelöschtes. Stellenweise arbeiten sich die drei Tänzer an den Visionen sichtbar ab. Trotzdem baut die Performance mit ihrer klaren Struktur einen fazinierenden Spannungsbogen über 50 Minuten und man beginnt mehr und mehr zu entziffern.


Ufer Studios, Berlin
Sa 4. Juni 2016, 20:30 h
So 5. Juni 2016, 20:30 h

 

Real Magic

© Forced Entertainment

Dieser Abend ist »Forced Entertainment«. Das Performance Kollektiv aus Sheffield macht seinem Namen alle Ehre. »Real Magic« bringt die großen Themen des Lebens auf den Punkt: Veränderung, Wandel, Umbruch. Und die Einschränkungen, die wir uns selbst auferlegen. Eine Metapher für Wegschauen, Grenzenschließen, Brexit.

Die Versuchsanordnung von »Real Magic« bewegt sich zwischen Spielshow und Zaubervorführung. Gedanken sollen gelesen werden. Eine winzige Szene aus dem Cabaret, die wir am Ende 36 Mal gesehen haben. Die drei Spieler Claire Marshall, Jerry Killick und Richard Lowdon zelebrieren in der Tradition Becketts die Absurdität des Scheiterns. Eine Niederlage nach der anderen wird vorgeführt. Ein Kandidat wird vorgeführt. Rollenwechsel.

Optimismus und Hoffnung bleiben bis zum Schluss. Und so ausweglos und unentrinnbar das Script, so sehr hofft man auf Erlösung. Eine pralle, rasend komische Show, bei der alle Beschreibungen scheitern müssen: Man muss »Real Magic« einfach sehen. Brillant.


Hebbel am Ufer, HAU2, Berlin
Fr 3. Juni 2016 um 20:30 h
Sa 4. Juni 2016 um 20:00 h
Show in English

 

John Gabriel Borkman

© Reinhard Maximilian Werner

Es schneit zwei Stunden lang. Ohne Pause. Simon Stone übermalt Ibsen mit neuer heutiger Sprache. Da fallen Nuancen unter den Tisch, dafür wirkt die Neufassung direkter, schneller und greller. Storytelling ist dem Regisseur wichtiger als die 120 Jahre alte Original-Sprache. Plötzlich ist Borkmann ein Frauenstück.

Martin Wuttke als Borkmann, Birgit Minichmayr als seine Frau und Caroline Peters als ihre Zwillingsschwester zaubern daraus exzellentes Schauspielertheater mit mehr Slap-Stick-Elementen und weniger Tragik. Man sieht ihnen gerne dabei zu, wie sie aus dem Vollen schöpfen. Fast geht man heiter aus diesem Abend.


Burgtheater Wien, Akademietheater
Termine für die neue Spielzeit folgen

Theater Basel
Termine für die neue Spielzeit folgen


In einer Aufzeichnung zu sehen auf 3sat

 

18.05.2016

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Schiff der Träume

© Matthias Horn

Karin Beier baut einen Drei-Stunden-Abend wie ein Schiff. Er beginnt auf dem intellektuellen Oberdeck. Nah an Fellinis Film »Schiff der Träume«. Die geschlossene Gesellschaft der Orchestermitglieder probt »Human Rights Nr. 4«, das Opus ihres verstorbenen Dirigenten, auf dem Weg zu seiner Seebestattung in er Ägäis.

Dann die zweite Hälfte des Abends: Veränderung. In Seenot geratene Refugees werden gerettet und aufgenommen. Aber die »Geretteten« nehmen nicht, sie geben. Sie bringen Heil, Humor und Verjüngungsgene für unsere überalterten mitteleuropäischen Gesellschaften. Das proklamieren sie herrlich ironisch, rasant, farbig und bewegend. Ihr »Schwarzen Humor« überrascht und stellt manches auf den Kopf. Trotzdem meint die Oberdeckgesellschaft: Das Boot sei voll. Die drögen weißen Herrenmenschen kommen mit den aufregenden schwarzen Afrikanern nicht wirklich zusammen. Und der Abend nicht wirklich mit seinen Ansprüchen.


Deutsches Theater Hamburg
Sa 28. Mai 2016 um 19:30 h
So 19. Juni 2016 um 18:00 h

 

Manifesto

© VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Cate Blanchett ist eine Wucht. Allein für sie lohnt sich die Filminstallation »Manifesto«. Julian Rosefeldt inszeniert 12 filmische Episoden zu 12 großen Strömungen der Kunst des 20. Jahrhunderts: vom Futurismus über DADA, Minimal Art bis hin zu Dogma. Er montiert unzählige Originalzitate aus Manifestos von rund 70 männlichen Autoren, wie Rodtschenko, Kandinsky, Schwitters, John Cage oder Werner Herzog, die die textliche Grundlage der Filme bildet.

In hollywood-reifer Perfektion und klar definierter Ästhetik erlebt man Cate Blanchett als weibliche Protagonistin in diesen 12 Szenen ihre Sogkraft entwickeln. Sie leiht ihre Stimme und ihren Körper und das erzeugt zwischen Bild- und Textebene ein flirrendes Spannungsfeld aus kritischer Distanz und ironischer Überhöhung – in Figuren wie einer Grundschullehrerin, einer Puppenspielerin, einer Brokerin, einer Trauerrednerin und einer Obdachlosen.

Absolut sehenswert.


Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin
Bis 10. Juli 2016

Ruhrtriennale, Kraftzentrale Duisburg
13. August bis 24. September 2016
Di–So: 13.00–20.00 Uhr

Die Fernsehpremiere wird im Bayerischen Fernsehen sein.

Villa Stuck, München
16. Februar – 21. Mai 2017
Di–So 11–18 h, erster Freitag im Monat bis 22 h

Erwin Wurm: Bei Mutti

© Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016

Was ist Humor, fragt sich dieser Tage nicht nur Jan Böhmermann. »Humor ist eine Waffe«, hat Erwin Wurm einmal gesagt. Und er weiß sie kunstvoll zu führen. Die Berlinische Galerie zeigt rund 80 Arbeiten des österreichischen Künstlers: vom »Narrow House« über die »One Minute Sculptures«, Zeichnungen, bis hin zu neuen Skulpturen, die in jüngster Zeit entstanden.

Für Erwin Wurm ist Körperlichkeit zentral – die sich zwischen Skulptur, Objekt und Performance bewegt. Sie läd ein, zu interagieren, Spaß zu haben, zu Lachen, obgleich es um große Themen geht, wie Liebe, Alter oder Tod. Mit klugem Humor deckt er Doppelmoral und Lächerlichkeit auf. Und stellt die Welt auf den Kopf : »Von Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen«. Er versteht Zu- und Abnehmen als Bildhauerei.


Berlinische Galerie
bis 22.08.2016

Mittwoch–Montag 10 –18 h
Dienstag geschlossen

 

Mitleid. Die Geschichte des Maschinegewehrs

© Daniel Seiffert

Flüchtlinge kommen zu uns und bringen ihre Geschichte mit. Scheinbar hat es diese massive Migrationsbewegung gebraucht, bis Europa aufhorchte und begriff, was in Syrien passiert. Milo Raus Inszenierung thematisiert die Arroganz der Berichterstattung und die Arroganz des Helfens.

Ursina Lardis Kunstfigur berichtet als Ich-Erzählerin von ihren »Erfahrungen« als Helferin. Die Texte speisen sich aus Interviews mit NGO-Mitarbeitern, Geistlichen und Kriegsopfern in Afrika und Europa. Nahe kommt einem das nicht. Und vielleicht soll es das auch nicht. Ursina Lardi spielt eine Schauspielerin, die eine Schauspielerin spielt, die einen Text vorträgt. Milo Rau konfrontiert die Erwartung des Zuschauers mitzuleiden oder sich einzufühlen mit kühler Arroganz.

Inhaltlich hält der Abend eher denen den Spiegel vor, die vermutlich nicht ins Theater gehen. Für die Anwesenden aber ist die kolonial und globale Kapitalismuskritik in weiten Strecken absehbar und wenig überraschend. Am Ende bleib auch ein Geschmack von »gut gemeint«. Milo Rau hat erheblich Grundsätzlicheres auf die Bühne gebracht – wie etwa mit Hate Radio.


Schaubühne, Berlin
Do 31.März 2016 bis So 3.April 2016
So 10. und Mo 11. April 2016
Weitere Termine im Mai:
15.,18.,19.,,20., 26., 27., 28., 31. Mai 2016


(Golden Hours) As you like it

© Anne Van Aerschot

»How can moments go so slow?«, singt Brian Eno und dazu bewegen sich elf Tänzer in Zeitlupe. Man merkt wie erstaunlich Enos Nummer »Golden Hours« zu Anne Teresa De Keersmaekers Stil passt. Nach dem Intro entwickelt sich »(Golden Hours) As you like it« dann zu einem Handlungsballett des 18. Jahrhundert, mit Anleihen aus dem Ausdruckstanz. Performt wird Shakespeares Komödie »Wie es euch gefällt« (1599), sporadisch begleitet von Brian Enos Album »Another Green World« (1975) und eingeblendeten Dialogzitaten.

Die elf fabelhaften Tänzer illustrieren ausdrucksvoll und körperlich als sprächen sie die Dialoge innerlich. Für die Liebestollheit von Shakespeares Komödie interessiert sich De Keersmaeker aber nicht. Mit formaler Strenge gestaltet sie das Spiel um Sein und Schein, Liebe und Geschlecht, Identität und Freiheit. Ironische Noten sind spärlich. Und so bleibt Shakespeares Komödie eine kühle Interpretation – trotz der Verve und des Esprits der jungen Rosas Tanzcompany.


cultuurcentrum Hasselt, Belgien
Di 12. April 2016

STUK Kunstencentrum Leuven, Belgien
Fr 15. und Sa 16. April 2016

La Filature Mulhouse, Fankreich
Di 19. April 2016

Opéra de Lille, Frankreich
Di 26. und Mi 27. April 2016

Ruhrtriennale, Bochum
Do 22 bis Sa 24. September 2016

weitere Termine

 

Borgen

© Arno Declair

»Kann ich politisch erfolgreich sein und ich selbst bleiben?«, fragen chorisch immer wieder die vier Schauspieler. Nicolas Stemann dampft die 30 Stunden der Erfolgsfernsehserie »Borgen«, um die idealistische dänische Premierministerin Birgitte Nyborg, auf knapp vier Stunden ein. Statt Textzettel gibt es passend Teleprompter über den Köpfen der Zuschauer. Stemann hält sich streckenweise wörtlich an die Dialoge der Originalvorlage, doch scheint der Regisseur dem Zuschauer eher den Glauben an Politik und Demokratie nehmen zu wollen und liefert dazu einen kritischen Blick auf die Serie.

Die Reduzierung des Umfangs produziert manchmal komische Momente der Überzeichnung, oft aber eine holzschnittartige Verflachung. Einblicke und Einsichten, wie Politik gemacht wird und dass es sich auch um ein Handwerk handelt, wie man zu einer Lösung kommt, bleiben auf der Strecke. Die Entzauberung der Figuren und der Politik an sich scheint gewollt: Kommentierende Sidekicks und Kapitalismuskritik sind zwar lustig, bleiben aber im Vergleich zur aktuellen politische Lage eher harmlos. Die Schauspieler machen allesamt einen phantastischen Job und man sieht ihnen, trotz der Längen, gerne dabei zu, wie sie spielend in die 40 verschiedenen Rollen schlüpfen.

Schaubühne, Berlin
Mo 15. Februar 2016
Di 16. Februar 2016
Mi 17. Februar 2016
So 6. März 2016
Mo 7. März 2016
Di 8. März 2016
Sa 30. April 2016
So 1. Mai 2016

Lohengrin

© Mats Bäcker

Eine Feder fällt vom Himmel: Elsa entgegen. Nicola Raab inszeniert den sagenhaften Stoff des Lohengrin atmosphärisch dicht und beweist einmal mehr, dass sie zu den Geschichtenerzählern unter den Regisseure gehört. Im kongenialen Zusammenspiel von Story-Telling, Bühnenbild, Kostüm- und Licht Design entsteht ein klarer und vielschichtiger Opernabend, ein Abend der großen Bilder – und leisen Töne.

Gemeinsam mit Lohengrin, hofft man, könnte man die Begrenztheit des Menschseins überwinden: mit der großen Liebe. Die fein ausgearbeiteten Charaktere der Figuren legen die transzendenten Aspekte der Geschichte frei: überragend singend und spielend Steven Humes als Heinrich. Unter der musikalischen Leitung von Alexander Vedernikov erlebt man höchsten Hörgenuss. Ein großer Wurf.


Oper Kopenhagen
Do 28. Januar 2016
So 31. Januar 2016
So 7. Februar 2016
Fr 12. Februar 2016
Di 1. März 2016
So 6. März 2016
Mi 9. März 2016
So 13. März 2016

David Bowie

»I don’t know where I’m going from here,
but I promise it won’t be boring.«

Mein Kampf

© Candy Welz

Heute erscheint die 2000 Seiten starke kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers »Mein Kampf«. Die vom Freistaat Bayern verwalteten Urheberrechte laufen aus. Und Rimini Protokoll haben darüber pflichtgemäß ein Stück gemacht: mit sechs Menschen und ihren Geschichten mit dem Buch.

Wer sich bei einem solchen Thema Brisanz auf der Bühne erwartet, wird enttäuscht werden. Es wird viel politisch Korrektes verhandelt. Manchmal zum Schmunzeln und durchaus unterhaltend, aber Spannung kommt in den 2 Stunden und 15 Minuten nicht auf. Bereichernde Perspektiven liefern Alon Kraus und der Rapper Volkan. Das hätte man sich mehr gewünscht. Trotzdem ein wichtiger Abend zur politische Bildung.


Hebbel am Ufer Berlin
Fr 8. Januar 2016
Sa 9. Januar 2016
So 10. Januar 2016 jeweils 20 h HAU 1

Kammerspiele München, Kammer 1
Fr 29. Januar 2016
So 31. Januar 2016

Schauspiel Leipzig
Mi 17.Februar 2016
Do 18. Februar 2016

Schauspiel Dresden
Mi 23. März 2016
Do 24. März 2016

Onassis Cultural Center, Athen
Do 21. April 2016
Fr 22. April 2016
Sa 23. April 2016

 

Peter Pan

© Annette Boutellier

Staunen, Kreischen, Tanzen. Das Publikum sitzt nicht still. Egal ob Groß oder Klein. Der Junge, der nicht erwachsen werden will, entzückt nicht nur die Kinder. In der kongenialen Zusammenarbeit von Regisseur Michael Lippold und den Musikern von »The bianca Story« gelingt eine abenteuerlustige Inszenierung. Die Schauspieler machen einen phantastischen Job und es ist eine Freude ihnen zuzusehen.

So entsteht schon nach wenigen Szenen eine Sogkraft, die in der Flugszene ihren Höhepunkt findet. Hier wird das Weihnachtsmärchen zum sphärenhaften Rockkonzert und man möchte, dass sie ewig weiter fliegen. »The bianca Story« liefert eine Menge Input mit den hitverdächtigen Songs, eigens entwickelt und komponiert für dieses Stück.

Anders als in der Vorlage von J.M. Barrie, lässt Lippold das Ende offen, und doch singt die Band: Hope there is Hope …  Also schnell auf nach Bern.

Konzert Theater Bern, Stadttheater Bern
Mon 28. Dezember 2015, 15 und 19:30 h
Sa 2. Januar 2016 um 15 h
So 3. Januar 2016, 15 h
So 10. Januar 2016, 8 h
Mi 17. Februar 2016,  19:30 h

 

Alle anzeigen Impressum Kooperationspartner: livekritik.de